Verein &_SpartenFlugplatz_EDFWFlugschule &_MitflügeVeranstaltungen &_HallenvermietungFliegen erleben_"Mediathek"Verantwortung &_SozialesKontakt &_Gästebuch

Schleife über Polen und Norddeutschland

Das vermeintlich wettersichere Augustende 2012 wurde zum idealen Zeitraum, um unsere Vereins-Cessna D-ESAL für eine Woche aus Würzburg zu entführen. Beide Fluglehrer hatten die Schulmaschine nicht beansprucht, eine  100-Stunden-Kontrolle wurde durch unseren hilfsbereiten Wart vorgezogen und so stand einem einwöchigen AusFLUG nichts entgegen. Die geplante und realisierte Strecke ist der Abbildung zu entnehmen. Hier die ICAO-Kennungen in Reihenfolge der Rundreise: EDFW – EDCM – EPWR – EPBY - EDAY – EDHC – EDFW.

Die erste Etappe sollte von Würzburg nach Breslau (EPWR) gehen. Da aber sämtliche aktuelle ICAO-Karten für Polen vergriffen waren und auch die Jeppesen-Variante nur noch schwer zu bekommen war, gab es einen Zwischenstopp in Kamenz bei Dresden (EDCM). Vorher telefonisch vereinbart, wurde die gewünschte Karte samt Rechnung vom Besitzer des Flugbedarfsgeschäfts direkt zum Flugplatz gebracht. Nun aber los nach Breslau. Würden wir das Englisch in Polen verstehen? Wie wird der FIS klappen? Haben wir den Grenzübertritt im Flugplan korrekt angegeben? Sämtliche Sorgen waren unbegründet, der Service in Polen war durchweg einwandfrei, das Englisch super. Am internationalen Airport Breslau landeten wir auf einer 2500m-Piste, wurden vom Follow-Me geführt und von einem Marshaller in die Parkposition eingewiesen. Ein wenig fühlte man sich wie „die Großen“.

Nach einem angenehmen Abend vor der traumhaften Kulisse der Breslauer Altstadt machten wir uns zeitig auf zum Flugplatz, um unsere innerpolnische Etappe nach Bromberg (EPBY) zu planen. Wir würden stahlblauen Himmel haben und entschieden uns, über die Transition Altitude zu steigen und auf Flugfläche 075 nordwärts zu fliegen. Die Flugplanaufgabe war auch in Polen ohne Holprigkeiten auf beiden Seiten möglich. Der knapp anderthalbstündige Flug bei bestem Wetter wurde maßgeblich von FIS beeinflusst. Nachdem wir einen Waypoint anfliegen sollten, der uns nicht bekannt war, nicht in den Karten zu finden war und auf die Schnelle auch nicht im GPS, führte der FIS-Lotse uns prompt mittels Identifikation und Kursanweisungen. Verwunderlich, dürfen unsere deutschen FIS-Lotsen doch keine Kursanweisungen geben, sondern höchstens Empfehlungen und stets mit dem Hinweis „maintain VMC“. Nun herrschten VMC bis in die Exosphäre, möglicherweise hat der polnische Lotse daher auf den Zusatz verzichtet. Wir werden es nicht herausfinden. Der Flug war so problemlos und schön, dass ich es versäumte, den Sinkflug rechtzeitig einzuleiten. Unsere Landung in Bydgoszcz (deutsch: Bromberg) wurde also von einer Spirale abwärts eingeleitet. Da die Towerstimme uns den in Landerichtung letzten Rollweg zu Abrollen anwies, fragte ich um Erlaubnis für eine lange Landung („request long landing“), flog zwei Kilometer in 100 Fuß über der Piste und landete passgenau zum Abrollen. Wieder ein Follow-Me, allerdings ein etwas kurioser Abstellplatz vor einem ausgedienten Jet-Shelter (s. Foto). Offensichtlich war Bydgoszcz mal ein Luftwaffenstützpunkt.

Ursprünglich waren zwei Übernachtungen in Bydgoszcz geplant, doch eine Kaltfront kündigte sich von Westen her an und wir entschieden, die Etappe nach Lüchow-Rehbeck (EDHC) vorzuziehen. Die Atmosphäre war recht instabil, starke Thermik über weitläufigen Feldern wechselte sich mit thermiklosen Anschnitten über Wäldern ab. Wir entschieden uns für eine Pause in Strausberg (EDAY), wo wir erneut tollen Service und nettes Personal antrafen. Tanken, die nächsten 100 Meilen Flug planen und los geht’s, wie immer mit „Strich in der Karte“, siehe Foto.

Lüchow-Rehbeck ist kein Verkehrslandeplatz, allerdings der räumlich nächste Flugplatz zu meinen Eltern. Im ehemaligen Zonenrandgebiet im äußersten Osten Niedersachsens gelegen, wird hier nur wochenends und vereinsintern geflogen. Doch erklärte sich ein Flugsportkamerad aus Lüchow bereit, für uns aufzumachen. Das klappte alles einwandfrei und wir landeten sicher auf der mit 475 Metern Asphalt doch vergleichsweise kurzen Piste. Auch der etwas alternative Windsack hielt uns nicht davon ab, siehe Foto. Zur Ehrenrettung der Rehbecker Kameraden: es gab noch einen ordnungsgemäßen Windsack an anderer Stelle und der Ersatz für das Provisorium war schon bestellt.

Verzögerung durch Gewitter

Unsere Maschine sollte ungeplant zwei Nächte in Lüchow-Rehbeck verbringen. Nachdem die Gewitter der Konvergenzlinie vor der Kaltfront nachts für reichlich Regen sorgten, versuchten wir gleich am frühen Morgen des nächsten Tages zwischen Konvergenzlinie und Kaltfront nach Würzburg zu schlüpfen. Ausgiebige (und entsetzlich teure, weil nutzlose) telefonische Wetterberatung hielt den Flug für möglich und empfahl sogar einen Zeitraum für den Abflug. Der durchweg graue Himmel lies keine visuelle Einschätzung der Wolkenuntergrenze zu. Wir starteten für einen sage und schreibe vier (!) Minuten langen Flug: die nahezu geschlossene Wolkenuntergrenze lag bei 700 Fuß, noch unter Platzrundenhöhe. Also wieder runter, Maschine verzurren und einen neuen Versuch nach der Kaltfront wagen.

Meine Eltern verköstigten uns, die Zeit verging schnell und wir starteten tags darauf Richtung Süd-Südwest zum Heimatflugplatz Würzburg. Die Mittelgebirge würden über den Erfolg des Fluges entscheiden. Daher haben wir aufwändig Alternates und Entscheidungsparameter für einen Abbruch des Fluges besprochen. Im Sinne der Sicherheit sollte man in der Luft nicht mehr diskutieren, sondern aufgrund der vorher festgelegten Parameter entscheiden. Der Harz begrüßte uns mit dem Brocken in Wolken, es regnete und wir entschieden, westlich des Harzes weiterzufliegen. Wie so oft in Gebirgen sah es auf der anderen Seite freundlich aus und wir konnten nahezu gradlinig Richtung Würzburg fliegen. Thüringer Wald und Rhön waren nicht in Wolken.

Wieder zurück in Würzburg empfanden wir Glück und Zufriedenheit mit dem Verlauf unseres Ausflugs. Fliegerisch haben wir eine Menge Erfahrung sammeln können. Unser Selbstbewusstsein für Auslandsflüge ist sicher größer als zuvor. Der Flugsport wird vielerorts von hilfsbereiten und service-orientierten Menschen unterstützt, eine gute Erfahrung. Sicher werden wir diese Eindrücke auch in unsere Flugleiterdienste in Würzburg einfließen lassen. Vielen Dank an Marcus Hörrlein für die fliegerisch und menschlich bestmögliche Begleitung der Reise. Sicher wird es nicht der letzte Trip gewesen sein.

September 2012

Dennis Weber