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‘ARCTIS 2000’
Einmotorig von den USA/Kanada über das nördliche Eismeer nach Deutschland
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Oshkosh (in der Nähe von Chicago) - der organisierte Wahnsinn: 12.000 Flugzeuge ausgestellt, 100.000 bis 150.000 Zuschauer täglich, Starts und Landungen im Minutentakt. Hier also wollen wir uns treffen, um gemeinsam in einer einmotorigen Beechcraft Bonanza zurück nach Deutschland zu fliegen: Horst-Peter Wölfel - der Pilot und Eigner der Maschine war bereits am 23. Juli gestartet, um pünktlich zum Earth Rounder Treffen, einem Treffen aller Piloten, die jemals die Erde umrundet haben, in Oshkosh zu sein - und Heinz Gräf.
Hier versammeln sich keine Snobs oder Playboys um mit ihren Maschinen zu glänzen und anzugeben. Oshkosh ist das reine Understatement, wie man heute ‘Neudeutsch’ sagen würde. Übernachtung im kleinen Igluzelt, Gemeinschaftsduschen, bekanntes Flugplatz-Outfit: alte weite Jeans, ausgewaschene T-Shirts. Kein Platz für Wochenend-Piloten und Warmduscher! Hier trifft man Flieger-Chaoten, Erfinder und Bastler, die mit ihren Selbstbauten in Europa kaum eine Zulassung bekommen würden. Oshkosh steht auch für Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft, viel Engagement durch Veranstalter und Helfer. Diese Mischung macht den Reiz dieser Veranstaltung aus, die jährlich Piloten aus aller Welt anlockt.
Nachdem der Meteo günstige Wetter und Flugbedingungen vorausgesagt hat, glimmt in Horsts Augen verräterische Vorfreude auf. Ist die Nord-Route möglich?
Nord-Route, d.h. zurück nach Europa über den Pol - ein kleines Abenteuer - auch in der heutigen Zeit. Maschine und Gerät lassen es zu. Eingepackt sind Überlebensanzug und Notsender, Verpflegung, Rettungsboot, Schwimmwesten und GPS (Satellitennavigation). Voller Hoffnung auf stabile Witterung, aber stets bereit, diesen Plan fallen zu lassen, starten wir Richtung Sept-Iles.
Sieben Stunden später, 1900 km nördlich müssen wir in Sept-Iles aus Wettergründen eine Zwangspause einlegen. Eine recht angenehme, interessante Pause, die wir nützen, um diese nördliche Region Kanadas etwas kennen zu lernen. Auf einem schaukelnden Schlauchboot können wir Wale hautnah beobachten. Trotz aller Begeisterung für diesen Ausflug bleibt aber die Planung für unseren Nordtrip vorrangig. Telefonate, Kartenarbeit und Kursberechnungen kosten Stunden Zeit. Aber wir haben Glück! Das Wetter lässt am Tag darauf den Nordkurs zu.
Wir starten nach Frobisher Bay (Iqualuit). Wir fliegen Nordkurs, über die unendliche Weite der Tundra. Diese so abgedroschene Formulierung erhält durch den Augenschein immer wieder ihre Berechtigung, diese unendliche Weite wird nur unterbrochen von zahllosen Seen. Dann plötzlich über der Hudson Straße, die ersten Eisberge, unwirklich, begeisternd. Ein Flug wie ein Traum. Wir reden fast nichts, hier stören Worte.
Dieses Territorium wurde von Kanada den Inuits, den sog. Eskimos, seit dem 1.4.99 zur Selbstverwaltung überlassen. Alle Ortsnamen werden seither zweisprachig angegeben. Die Inuits bestimmen nun vieles in ihrem Alltag selbst. So kann etwa der Stammesälteste ein generelles Alkoholverbot aussprechen, denn die Gefahr des Alkoholmissbrauchs ist speziell in den Wintermonaten hoch, wenn drei Monate lang Finsternis und Temperaturen von -50°C herrschen.
Wir dagegen konnten diese Besonderheit der arktischen Jahreszeiten für uns nutzen. Im Sommer nämlich geht die Sonne nicht unter. Unsere Flugzeit wird somit nur von unserem Schlafbedürfnis und den Öffnungszeiten der wenigen Flugplätze bestimmt.
Ab Frobisher Bay oder Iqualuit beginnt also unser Abenteuer. Wir verlassen die üblichen Flugrouten und müssen sorgfältig planen: Wo ist der nächste Flugplatz? Gibt es Benzin? Wetter? Vereisungsgefahr? Kontinuierliche Flugüberwachung ist angesagt. Die Flugvorbereitung kostet uns jetzt täglich mindestens 2-3 Stunden.
Unsere nächste Etappe, Resolute Bay auf Cornwallis Island. Wir fliegen sechs Stunden, 1700 km über Packeis und eine geschlossene Eisdecke. Die unterschiedliche Sonneneinstrahlung schafft lebendige Farbspiele. Unser Ziel Resolute liegt 600 km nördlich des Polarkreises (66. Breitengrad, Entfernung zum magnetischen Nordpol 600 km, zum geografischen Nordpol 2000 km). Es dient als Ausgangspunkt für Nordpol-Expeditionen, außerdem ist die Jagd auf Eisbären, Moschusochsen und Polarfüchse möglich. Hier leben maximal 200 Einwohner. Der Flugplatz ist die wichtigste Verbindung zur Außenwelt. Da hier die Minenarbeiter monatlich ausgewechselt werden, wurde eine 2,2 km lange Landebahn notwendig, wegen des Permafrosts allerdings mit Schotterbelag - ein Start oder eine Landung eines Flugzeuges bringt einen wahren Staubregen mit sich.
Obwohl es hier keine Tankstelle für Kleinflugzeuge gab, waren wir froh, wenigstens mittels einer Handpumpe auftanken zu können. Etwas skeptischer wurden wir erst, als sich im Filter beträchtliche Rückstände fanden und wir das Alter des Fasses lasen: 1995!
Für unsere Mühen entschädigte uns aber der herzliche Empfang. Die Landung einer Sportmaschine kommt hier einer Sensation gleich.
Am nächsten Morgen (reine Uhrzeit, da es keinen Morgen oder Abend gab) durften wir erst nach dem Austausch der email-Adressen abreisen, denn die ständigen Einwohner Resolutes halten so Kontakt mit dem Rest der Welt.
Zwei Besonderheiten erlaubten uns am nächsten Tag unsere längste Strecke zu planen: einmal der arktische Tag und ein äußerst kräftiger Rückenwind. Unser Kurs führt über das nördliche Eismeer, die Nordküste Grönlands bis nach Spitzbergen, Kurs über den 83. Breitengrad hinaus. Auch hier wieder Seen, Gletscher, beeindruckende Landschaft. Licht, das die Wirklichkeit verzaubert.
Aber trotz allen Zaubers steht daneben eine gefährliche Wirklichkeit. Zwischen Resolute und Spitzbergen liegen nur zwei Flugplätze, Eureka und Alert, der nördlichste Flugplatz der Welt. Eine Bergung würde im Falle einer Notlandung Tage dauern. Wir fliegen mit übergezogenen Rettungsanzügen, bereitliegenden Notsendern; das Ausbringen der Rettungsinsel haben wir bereits vor Tagen geübt. Aber die Schönheit des Eismeeres verdrängt Gedanken an mögliche Gefahren.
Nachts um drei Uhr, aber immer noch bei Tageslicht, nach 2800 km landen wir in Spitzbergen, Norwegen. Wir sind erschöpft, erledigt, müde, aber glücklich. Welch ein Flug!
Nach Resolute kommt uns Longyearbyen auf Spitzbergen bereits fast "großstädtisch" vor. Von hier aus begannen viele Expeditionen zum Nordpol (u.a. Amundsen) und auch heute ist es auf Grund seiner Lage am Golfstrom - eisfreier Hafen - für viele Abenteurer Ausgangspunkt in Richtung Norden.
Für uns beginnt hier unsere zweitlängste Etappe, über den Nordatlantik zurück nach Europa. Nach einer Zwischenlandung in Tromsö (Norwegen) verlassen uns nun die guten Wettergötter. Regen, tiefe Wolken über Tromsö. Jetzt sind Horsts IFR- (Blindflug-) Kenntnisse wertvoll. In 4500 m Höhe (Sauerstoff!) bleiben wir bis Lillehammer über den Wolken. Ankunft in Oslo erst um 22.30 Uhr nachts, jetzt bei Dunkelheit.

Als wollte Europa und Deutschland diesen unangenehmen Empfang wieder gutmachen, am nächsten Tag herrscht beste Sicht, und je weiter wir nach Süden kommen, desto mehr kämpft sich die Sonne durch die Wolken. Würzburg begrüßt uns mit herrlichstem Sonnenschein, ein wunderbarer Ausklang eines ungewöhnlichen und unvergesslichen Fluges.
Fazit:
6-Tage Flug mit 42 Flugstunden,
knapp 15000 Kilometer zurückgelegte Strecke,
unsagbar schöne Eindrücke, neue Bekannte.
Autoren: Leni Gräf, Heinz Gräf Fotos: Heinz Gräf
Karte und Flugroute in Stichpunkten

Für eine vergrößerte Version der Karte (266 kB, 1275x460 Pixel) diese anklicken.
Ausgangspunkt: Oshkosh - USA
Etappe 1:
Oshkosh - Sept-Iles, 31.7.2000
7 Stunden, 1900 km
Aufenthalt in Sept-Iles von 31.7.2000 bis 2.8.2000
Etappe 2:
Sept-Iles - Cape Hopes - Frobisher Bay (Inqualuit), 2.8.2000
6 Stunden, 1700 km
Frobisher Bay - Hall Beach - Resolute Bay (Cornwallis Island), 2.8.2000
6 Stunden, 1700 km
Etappe 3:
Resolute Bay - Alert - nördliches Eismeer - Nordküste Grönlands - Longyearbyen (Spitzbergen), 3.8.2000
10 Stunden (Rückenwind), 2800 km (83° Nord)
Etappe 4:
Longyearbyen (Spitzbergen) - Tromsö (Norwegen) - Oslo, 4.8.2000
9 Stunden, 2500 km
Etappe 5:
Oslo - Würzburg, 5.8.2000
4 Stunden, 1100 km
Auf unserer Seite Links finden Sie Links zum South Camp Inn auf Resolute Bay sowie zu Spitzbergen
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